Хроника текущих событий

хроника текущих событий

(Вообще-то я не умею писать гражданской поэзии, но сегодня само по себе сложилось)

Холодная весна двадцать второго года,

Утро начинается с военных сводок,

Вечер завершается репортажем об убитых,

Ах, твари, что ж вы творите…

Нет, не будет пасхальной вести,

Христос распят в Буче, он не воскреснет,

Христос точечно расстрелян в Одессе,

В руинах города и пылают веси,

И вольно кружАтся и мчатся бесы…

Platanenhain, Mathildenhöhe Darmstadt

Platanenhain

Philosophie, Inspirationsquellen, Wahlverwandschaften von Hoetgers Werk

Platanen wie Säulenreihen, die sich zum Himmel erheben und mit ihren dichten Kronen ein Gewölbe über den heiligen Raum voller Altäre und Abbilder erschaffen.
Im Spiel des Lichts und des Schattens, im Geflüster des Wassers spürt man, dass die Welt in der Tat vom Göttlichen durchdrungen ist, dass alles eins ist, dass die gesamte Natur göttlich ist, und der Mensch selbst ein Teil der göttlichen Natur, eingebunden in den ewigen Kreis des Entstehens und Vergehens.
Das ist genau die Stimmung, in die Bernhard Hoetger, der vom Großherzog Ernst Ludwig zum Gestalter des Platanenhains berufen wurde, den Betrachter versetzen möchte.
Als textuelle Umrahmung und Verstärkung seines visuellen Programms verwebt er miteinander Heilige Bücher des Hinduismus, altägyptische Hymnen, abendländische philosophische Dichtung. Um diese Texte zu Geltung zu bringen, erfindet er eine besondere feierliche, erhabene Schrift, die wie eine Mischung aus mesopotamischer Keilschrift und ägyptischen Hieroglyphen anmutet.
In die Skulpturengruppen und Reliefs Bernd Hoetgers fließen ein
die Strenge und Erhabenheit der altägyptischem Formensprache; klassische, klare, geordnete Anmut der antiken Skulpturen;
Gaugins geheimnisvolle mythische Welt der Naturvölker der Südsee; sanfter fließender Rhythmus der Figurenreihen der buddhistischen Tempelanlagen.
Ich möchte auch über den geistigen Gesamtkontext dieses Kunstwerks sprechen. Suche nach der verlorenen Ganzheitlichkeit, nach der Einheit mit der Natur, nach der Sinnhaftigkeit des Lebens, nach dem Eingebundensein in ein größeres kosmisches Bild kennzeichnet die Jahrhundertwende. Man möchte aus den Zwängen der kühlen rationalen ,nüchternen, kapitalistischen Moderne ausbrechen;
man lehnt die Brutalität der Industrialisierung und der Militarisierung ab. Man strebt eine harmonische Vereinigung der Kultur und der Natur.
Man möchte das alltägliche Leben und die Kunst miteinander verschmelzen lassen.
im Mittelpunkt der entstehenden Lebensphilosophie stehen die Bedeutung, der Wert, der Sinn und Zweck des Lebens.
Die Gegenwart lässt einen ein tiefes Entfremdungsgefühl und eine tiefe spirituelle Unbehaustheit empfinden.
Oswald Spengler schreibt: „die Zivilisation selbst ist eine Maschine geworden, die alles maschinenmäßig tut oder tun will.“
„Der Hunger, den die Ware zu stillen bestimmt war, steigt eben durch die Ware ins Unendliche“.
Diese Stimmung kommt einem heutzutage irgendwie sehr bekannt vor.
Auf der Suche nach der spirituellen Erneuerung des Menschen wendet man sich den fernöstlichen Lehren zu.
Der Hinduismus und der Buddhismus bieten eine Gesamtdeutung der Welt, ein nachvollziehbares Welt-Erklärungssystem, einen spirituell gesicherten Rahmen und eine dran angepasste Lebensweise, die eine transzendente Sinnstiftung mit einer individuellen Lebensführung verkoppeln. Der Mensch wird als Einheit des Körpers, des Geistes und der Seele verstanden. Die alternativen Glaubens- und Daseinsentwürfe bedeuten gleichzeitig Selbstfindung und Selbsterlösung. Man übersetzt Bhagavad Gita und praktiziert Yoga. Man begeistert sich für hinduistische und buddhistische Tempelanlagen.

Jeder verortet aber sein verlorenes Paradies woanders: in fernem Indien, auf den Südseeinseln, im goldenen Zeitalter der Vorgeschichte.

Hoetgers interesse an der altägyptischen Kunst hat sich in Paris durch die Louvre-Besuche, durch den intensiven Austausch mit der ebenfalls davon faszinierten Paula Modersohn-Becker, durch seine Begegnung mit den Funden aus Amarna entwickelt. Paula Modersohn- Becker berichtet ebenfalls von Hoetgers Begeisterung für Fotografien der buddistischen Tempelanlage von Borobodur. Motive des Buddhas und der asiatischen Göttinnen finden sich auch in Hoetgers Majolika-Serie zum Thema „Licht und Schattenseiten des Lebens“ von 1911-1912.

Faszination für die altägyptische und indische Formensprache fand ihren Wiederhall in der Seele des Großherzogs, der 1902 über Ägypten nach Indien reiste und dort offensichtlich nun nicht nur seinen Locus Amoenus, sondern auch seine seelische Heimat fand.

Über seinen Indienbesuch schrieb der Großherzog 1903 in sein Notizbuch: „seit 15 Jahren war es die erste, alles vergessende glückliche Zeit , die ich verlebt habe, keine Sekunde Disharmonie und nur ein Leben in der Schönheit… Ich habe dort Wunderbares, das Herz vertiefendes und Geist Vergrößerndes gelernt…“
Offensichtlich erlebte er dort auch eine Art Erleuchtung…
Er schrieb: „Am heiligen Strom,
in der heiligen Stadt
verstand ich das Sein und Entsthen,…
verstand ich unser Vergehen…“

Auch über Ägypten schreibt er, dass die Küstenlandschaften die Sonnenauf- und Untergänge, das Mondlicht und das Leuchten des Meeres ihn in die irreale träumerische Stimmung versetzen…“ glücklich bin ich, überglücklich…ich schaue und schaue und schaue… bewundere edle Proportionen der Tempelanlagen, den großen Nil, der Jahrtausende hindurch Menschengeschlechter entstehen und vergehen sah…“

Wie die Direktorin des Moskauer Architekturmuseums zu sagen pflegt: „Nur wenn ein großer Künstler auf einen kongenialen Auftraggeber trifft, entsteht ein großes Werk“.
Wie bereits bei der Zusammenarbeit mit Josef Maria Olbrich haben sich hier wohl zwei verwandte Künstler-Seelen getroffen, die einander mit Ideen und Empfindungen gegenseitig befruchteten und so ein einzigartiges Werk entstehen ließen.

Der Großherzog, der viele Verluste in seinem Leben erlitten hat, suchte auch etwas, was „Sein, Entstehen und Vergehen“ begreifbar veranschaulichen sollte.

Mit den Reliefgruppen „Frühling“, „Sommer“, „Schlaf“ und „Auferstehung“ mit Versen aus Bhagavadgita;
mit der Skulptur der Sternbenden Mutter mit dem Kind;
mit den Figuren der Schakale, Begleiter des ägyptischem Totengottes Anubis;
mit der Brunnenanlage, die das Wasser mit der Menschenseele gleichsetzt „die vom Himmel kommt, zum Himmel steigt, und wieder nieder zu Erde ewig wechseln muss“;
mit beiden Tag- und Nachtskulpturen, die den ewigen Kreislauf des Lebens darstellen,
hat Hoetger das zeitlose Thema des zyklischen „Werden und Vergehen“ in einer zeitlosen Sprache verwirklicht,
und dabei eine geistige Einheit erschaffen, die die unterschiedlichsten Formen und Inhalte aus verschiedenen Kulturen und Epochen zusammenfügt.

1.  Olbrichs Bruchsteinmauer mit dem „Bacchusbrunnen“. Stilisierte Wellen, Flusstierreliefe, wasserspeiende Bacchus-Maske nehmen bereits Bezug auf das Thema „Wasser“, das eins der zentralen Motive des Platanenhain—Ensembles von Hoetger werden soll: Wasser als lebenspendendes Element und gleichzeitig ein Sinnbild des ewigen Kreislaufs des Lebens. An dieser Stelle können wir uns auch erinnern, dass Wasser, Wellen als  Ursymbol der Mutter-, Erd-, Fruchtbarkeits-, aber auch Todesgöttinen bereits bei den neolitischen Kulturen Europas dienten. Die Kultstättetn der ureuropäischen Göttinnen wurden an einer Wasserquelle errichtet, die von Bäumen umgeben war. Hier handelt sich es also um einen der Archetypen der Menschheit. 

2.  Eingangsportal:

Rechts: Auf dem Pfeiler aus Lungstein, einem vulkanischen Gestein, sitzt eine wie zum Sprung bereite Raubkatze, die als „Silberlöwe, den Tag tragend“ bezeichnet wird. Auf ihrem Rücken reckt sich ein Kind der Sonne entgegen. Der Silberlöwe wird übrigens in der chinesischen Mythologie in der Verbindung mit der Sonne gesetzt. Den Bezug zur Sonne als lebensspendendes Element verstärkt noch die Inschrift mit dem „Großen Sonnenhymnus“ Echnatons:
„ Die lebende Sonne…
Die zuerst lebte…
Du füllst die Erde
Mit deiner Schönheit…
Du bist schön
Und groß und funkelnd
Und hoch über die Erde…
Deine Strahlen
Umarmen die Länder
Soviele du geschaffen hast…“

Diese Zeilen erinnern auch an Franziskus von Assisi „Sonnengesang“:

„Gelobt seist du, mein Herr,
mit all deinene Geschöpfen,
Zumal dem Herrn Bruder Sonne,
Welcher der Tag ist und durch
Den Du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend
Mit großem Glanz…“

Links: Auf dem Pfeiler aus anthrazitfarbenem Lungstein ist das „Brunnengebet“ eingemeißelt, dass dem Gott des Mondes, der Zeit, der Weisheit und der Schrift gewidmet ist. Er besagt, dass nur „der Schweigende“ den „Süssen Brunnen“ in der Wüste findet. Hier ließe es sich an die stille Kontemplation, an Schweigemeditation als Quelle der Einsicht und der spirituellen Wachstums denken.

Der bronzene Leopard bzw. Panther, „die Nacht tragend“, scheint zu gähnen. Im Mittelalter wurde Panther als Symbol für Tod und Auferstehung gedeutet. Das Kind auf dem Rücken der Raubkatze scheint zu schlafen.

Mit den beiden Plastiken thematisiert Hoetger den Kreislauf der Sonne und somit den Kreislauf allen Lebens.

3.  Die Farben Sonnengelb, Grün, Blau und Orange, die Hoetger für seine vier Reliefs verwendete, erinnern auch stark an die Farben Gaugins in seinem philosophischen Werk „ D‘ou venons-nous? Que sommes-nous? Ou allons-nous?“,  bei dem sich der Künstler auf eindringliche Weise mit den existenziellen Fragen von Geburt, Leben, Schicksal und Tod beschäftigt, sowie das Verhältnis zwischen Mensch, Natur, Kultur und Religion befragt.

Hier sehen wir auch üppige tropische Vegetation, Früchte pflückende Hände, Vögel als Boten des Himmels und Symbole der Unsterblichkeit, den Kreis von Geburt, Fruchtbarkeit und Tod, sowie stille, geheimnisvolle mythosche Gestalten.

Interessant, dass Hoetger mit den Farbigkeiten seiner Statuen bereits unseren Erkenntnissen über die farboge Gestaltung antiker Skulpturen vorgegriffen hat.

Inschriften:

Frühling

Es ist ein Ewges
Das wandelt und das bleibt
Das in sich selber ruht
Und ruhlos treibt

Auferstehung

Woher sie kommen merkst du nicht
Merkst nicht wohin die wieder gehen
Der Weisen Mittag merkst du hier
Was mutet also weh dich an.

Sommer

Gleich wie der Leib im Leben
Schon aus der Jugendblüte
Alter zeugt, erzeugt
Sich wieder neu das Leib.

Schlaf:

Gestalten, sagt man,
Sterben hin,
Enstammen dem,
Was nicht erstirbt,
Was unermesslich nie versiegt.

Ganz sinnlose Zeilen

Der irre Traum von Liebe noch nicht ganz ausgeträumt,

Mein dummes Herz, das hängt an Dir noch immer,

Nur Du füllst seine beiden Kammern, mein imaginärer Freund,

Und hast davon gar keinen blassen Schimmer.

Einst zog Dein Blick mich ganz in Deinen Bann,

Im Harz ein Käfer – mich darin verfangen,

Vergeblich tausend Wege ich ersann,

Um wieder in die Freiheit zu gelangen.

Ich zeigte diese Zeilen meinem Sohn,

Er zeigte einen Vogel mit der Hand,

Ach, Mama, das Gedicht ist gar nicht schön,

Und ganz verrückt, wie du dich da verrannt.