Meine Fahrt

Bahnsteig. Alle stehen diszipliniert wie Pfosten mit zwei Meter Distanz dazwischen. Hinter den Gleisen verläuft ein schmaler, asphaltierter, grauer Pfad. Er ist halb verdeckt von dichtem Gebüsch. Immer wieder tauchen aus dem Grün an einem Ende Figuren auf, um sogleich im Grün am anderen Ende zu verschwinden.Die Ansage erklingt. Die Frauenstimme ist kühl, sachlich und bestimmt. Der rote doppelstöckige Regionalexpress rollt uns entgegen. Wieder zu kurz: Nur drei Wagen. Man muss nach vorne rennen…

Ich sitze auf dem schwarz gepunkteten blauen Polster. Oben sitzt ein orientalischer Junge im rot-schwarz karierten kurzärmeligen Flanellhemd. Sein Gesicht halbverdeckt durch eine blaue Einwegmaske. Dafür fallen mir umso mehr seine Augen auf: Schwarz und von einer besonderen sanften Weichheit.
Die Frau mir gegenüber steht auf und lässt ein zerknülltes Taschentuch fallen. Auf dem grauen Linoleum bleibt es liegen wie ein hilfloses Vögelchen, das aus dem Nest fiel.

Ruckelnd passiert der Zug ein Kiefernwäldchen und wird schneller. Die Kiefern sind alle gleichmäßig nach rechts geneigt wie schräge Linien in einem Schönschreibheft. Über Ihnen der blau-weiße Streifen des Himmels.

Dicht an den Straßenbahngleisen steht ein hagerer Mann mit sonnengegerbtem Gesicht und einer billigen Brille mit roter Plastikfassung auf der Nase. Er ist merkwürdig stillvoll in Jeanshemd, beige Weste und beige Hose gekleidet. Aus der linken Hosentasche lugt eine braune Pulle Bier.
In der Hand hält er eine zweite. Aus dem Mundwinkel hängt ihm ein Zigarettenstummel. Mir fallen seine schönen rehbraunen Wildlederschuhe auf.
„Scheiße…Fick dich… Scheiße…“,- ruft er sich nähernden Straßenbahn zu und steigt ein.