Zu Ossip Mandelstams 130. Geburtstag wollte ich unbedingt eins meiner Lieblingsgedichte übersetzen.

Unaussagbare Wehmut. Ossip Mandelstam

Variante I

Unaussagbare Wehmut
Schlug die immensen Augen auf
Die Blumenvase, ausgeruht,
Lässt ihrem Glanze freien Lauf.
Im Taumel ist das Zimmer noch
Und von der süßen Kur wie trunken,
So winzig dieses Reich, und doch
Ist so viel Schlaf in ihm versunken,
Hinzu ein Schuss vom roten Wein,
Das maienhafte Sonnenstrahlen,
Und über dem Biskuit, dem schmalen,
Der schmalen Finger weißer Schein.

Variante II

Die namenlose Wehmut schlug
Zwei riesengroße Augen auf,
Aufgelebt der Blumenkrug
Lässt dem Kristallglanz freien Lauf,
Getränkt mit köstlichem Heiltrank
Der Wonne ist der ganze Raum,
Ach dieses kleine Reich verschlang
So viel an Schlaf, so viel an Traum. 
Hinzu ein wenig roten Wein,
Und etwas goldnes Sonnenlicht,
Und zarte weiße Hand, die bricht
Das feine Zuckerwerk entzwei.

„Невыразимая печаль

Открыла два огромных глаза,

Цветочная проснулась ваза

И выплеснула свой хрусталь.

Вся комната напоена

Истомой — сладкое лекарство!

Такое маленькое царство

Так много поглотило сна.

Немного красного вина,

Немного солнечного мая —

И, тоненький бисквит ломая,

Тончайших пальцев белизна.»

Осип Мандельштам