Liebermann, wie ich ihn kannte und nicht kannte (Kurze Notizen vor Ort)

Seine Brauntöne scheinen in der Tat von Corot und Millet zu kommen.Sein strahlendes Weiß gegen den dunklen Hintergrund kommt bestimmt von den Alten Holländern. Und so ein feiner Humor: sich selbst als Koch voller Schalk vor dem prall gemalten, aber sehr „völkischen“ Gemüse des Berliner Hinterlandes darzustellen. Ich liebe sein samtiges Schwarz und sein scheinendes Weiß.Ich finde die Gegenüberstellung von Liebermanns Bildern und den Bildern verschiedenster Maler, von der Barbizon-Schule über flämisches Stilleben bis zu Rembrandt, sehr reizvoll und spannend. Ein ähnliches Konzept gab es bereits bei der großen Van Gogh – Ausstellung im Städel.Es ist auch interessant, was die Ausstellungsmacher über die Verbindung zwischen der Schule von Barbizon, dem fr. Impressionismus und der niederl. Maltradition schreiben. So habe ich Liebermann nie gesehen, obwohl der Einfluss der flämischen Genremalerei schon immer zu bemerken war. Aber es lässt sich sehr stimmig an. „Sämann-Stidie“ von 1889 erinnert einen sofort an Van Goghs Sämann.Er hat ein machtvolles Chiarooscuro, finde ich, z. B auf dem Bild „Die Wochenstube/Schweinekolben“ von 1888. Das glänzende Weiß-rosa der Ferkel tritt aus dem Grünlich-bräunlich-schwarzen der Stallwände, des Stallbodens kraftvoll hervor. Tolle Stofflichkeit des kleinen Formats „ Stille Arbeit“ von 1885: hellrotes, glänzendes Kupfer der Teekanne, das samtige verhaltene Rot des schweren übers Spinnrad geworfenen Stoffes, das silbrige Weiß der Porzellantasse, die durchsichtige Leichtigkeit des Spitzenhäubchens, das polierte kirschrote Holz, das Struppige des Strohs am Stuhl, die ausgetretenen, abgewetzten Steinfliesen…Und jetzt kommt Liebermann, wie ich ihn bisher kannte und liebte: das Spiel der mehrfarbigen Sonnen- und Schattenflecken auf den Gewänden der holländischen Waisenmädchen, am Sand des Innenhofes, am Boden der Markplätze, im Laub der Bäume, im Nass der hängenden Wäsche. Eine wogende, fließende, dahinfliegende, sich bewegende Leinwand.Ich würde behaupten, dass die Flüchtigkeit der fr. Impressionismus statischer als diejenige Liebermanns ist. Bei ihm jagt das Licht den Schatten und viceversa. Liebermann als Degas-, Manet- und Monet-Nachahmer beeindrückt mich, muss ich sagen, weniger.Nur seine „Badende Knaben“ von 1900 sind wunderbar frisch, kraftvoll, lebenshungrig. Es erinnert mich auch, ich weiß nicht warum, und auch sehr indirekt an Joaquin Sorolla. Ein für mich eher ungewöhnlicher Monet — „Waldweg. 1865“, der auf mich eher wie Pissarro oder Corot wirkt. Blaue ausgerollte Stoffbahnen des Meeressaums bei „Muschelfischer am Strand — Blaue See. 1908/09“„Schlittschuläufer im Tiergarten 1923“ – irgendwie fast Kirchner. Dynamik? Eckigkeit der Figuren? Das Halbabstrakte der Darstellungsweise?Libermanns Wannsee-Garten = Monets Giverny…?Selbstrückzug mit der Besinnung auf den selbsterschaffenen Naturfleck, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen.Der Farbauftrag wird sehr pastos, fast schon wie bei Van Gogh.

P.S. Was mich immer wieder nervt und entsetzt: Die Leute können sich keine Impressionisten anschauen, anstelle auf die größtmögliche Entfernung zu gehen und die Farbaufträge zu einem plastischen Ganzen verschmelzen zu lassen, kleben sie mit der Nase direkt am Bild, nur um nichts außer den dickaufgetragenen Farbstrichen wahrnehmen zu können. Ich bin jedes Mal beinahe versucht, mich auf sie loszustürzen, sie zu schütteln und hinzubrüllen: „Und was sehen Sie so?! Und was sehen sie so?!“Meiner Meinung nach gehört vor dem Eingang in jede Impressionisten- Präsentation eine Anleitung: „Wie schaue ich mir Impressionisten richtig an“

P.P.S. Es ist fast physisch anstrendend, so viel Kunst innerhalb ein paar Stunden aufzunehmen. Ein Übersättigungsgefühl, das an Übelkeit grenzt…